Vom 17. bis 23. September 1991 greifen Neonazis gemeinsam mit Bürger_innen und unter Beifall von Nachbar_innen das Wohnheim von DDR-Vertragsarbeiter_innen und Geflüchteten im sächsischen Hoyerswerda an. Bis zu 500 Menschen beteiligten sich an den rassistischen Pogrom, warfen Steine, Flaschen, Molotov-Cocktails und rufen rechte Parolen. Die Polizei schützt die Bewohner_innen nicht, die Unterkünfte müssen evakuiert werden. Bis zu 1.000 Schaulustige verfolgen den Abtransport der Geflüchteten in Bussen. Begleitet werden die tagelangen Attacken durch zahlreiche Medien. Unter den Augen der Öffentlichkeit hat der Mob auf der Straße Geflüchtete in Hoyerswerda faktisch vertrieben.

Der Pogrom von Hoyerswerda bildet den Auftakt zu einer Serie rassistischer Ausschreitungen Anfang der 1990er Jahre. Neonazis erklären Hoyerswerda zur „ersten ausländerfreien Stadt“. [1] Darüber hinaus gelten die Ereignisse von Hoyerswerda als wichtiger Sozialisationsmoment vieler Neonazis in Deutschland in der Nachwendezeit. Diese Prägung macht sie zur „Generation Hoyerswerda“ – eine Zeit, die auch auf das NSU-Kerntrio starken Einfluss hatte. [2]

30 Jahre nach dem Pogrom von Hoyerswerda wiederholt sich die Geschichte. Krieg und die Krise des Kapitalismus zwingen Menschen dazu ihr Zuhause zu verlassen, in der Hoffnung Sicherheit und das gute Leben in Europa zu finden. Seit 2014 versuchen immer mehr geflüchtete Menschen die Tore Europas zu durchqueren. Die wenigen, die hier ankommen, sind aber alles andere, als wärmstens empfangen. 2015 kam es zu einem drastischen Anstieg von Angriffen auf Geflüchtete und ihre Unterkünfte. Die Amadeu Antonio Stiftung und PRO ASYL zählen 3767 Angriffe auf Asylsuchende und ihre Unterkünfte. [3] Von den Medien werden die Angriffe nur zur Kenntnis genommen, der große Aufschrei bleibt aus. Noch bevor Geflüchtete im Herbst 2015 im sächsischen Einsiedel, einem Stadtteil von Chemnitz, einziehen konnten, blockierten 1.000 Rassist_innen die geplante Asylunterkunft. Nur unter Polizeischutz können die Familien mit Kindern in ihr neues sicheres „Zuhause“ ziehen. [4] Im brandenburgischen Nauen zünden Neonazis eine Turnhalle an, die zu einer Unterkunft für Asylsuchende werden sollte.

Aus der „Generation Hoyerswerda“, die als Jugendliche Asylheime und alles, was nicht in ihr Weltbild passte, angriffen, sind heute die sog. „besorgten Bürger_innen“ geworden. Sie haben Glatze und Springerstiefel teilweise abgelegt, nicht aber ihre menschenverachtende und vernichtende Weltanschauung. Sie sind fester Teil der sog. „Mitte der Gesellschaft“ – ihr Rassismus ist Teil der Normalität. Unter dieser Normalität gibt es nichts zu feiern!

[1] https://www.hoyerswerda-1991.de/start.html
[2] https://pogrom91.tumblr.com/dokumentation
[3] https://www.mut-gegen-rechte-gewalt.de/service/chronik-vorfaelle
[4] https://www.endstation-rechts.de/news/kommentar-nachdenken-ueber-einsiedel.html

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