In der Nacht zum 26. September 1992 setzen Neonazis die Baracke 38 der Gedenkstätte des ehemaligen KZ Sachsenhausen in Brand. In der Baracke waren zwischenzeitlich jüdische Häftlinge inhaftiert. Der Anschlag fand zehn Tage nach dem Besuch des damaligen israelischen Ministerpräsidenten Jitzchak Rabin in der Nacht vor dem jüdischen Neujahrsfest Rosch ha-Schana statt.
Ein halbes Jahr nach dem Anschlag werden zwei Tatverdächtige festgenommen: Die damals 19 und 22 Jahre alten Neonazis Ingo Kehn und Thomas Haberland. Beide legen nach der Tat Geständnisse ab, die sie später revidieren. Sie stehen weitere sechs Monate später vor Gericht und werden aufgrund dünner Beweislage freigesprochen. 1994 hebt der Bundesgerichtshof das Urteil auf und der Prozess wird neu aufgerollt. 1995 werden Kehn und Haberland dann in zweiter Instanz zu zweieinhalb bzw. drei Jahren Haft verurteilt. [1] 2014 tritt Haberland für die NPD bei den Kommunalwahlen in Brandenburg und gewinnt ein Mandat. [2] Bis heute ist Haberland Vorstand des NPD Kreisverbands Uckermark.
Die „Baracke 38“ wurde im Sommer 1938 errichtet und war Teil des sog. „Kleinen Lagers“. Nach 1942 wurden dort hauptsächlich jüdische Häftlinge inhaftiert, weswegen der Komplex in der Lagersprache den Beinamen „jüdische Baracke“ bekam. Auf Anordnung von Heinrich Himmler wurden die jüdischen Häftlinge im Oktober 1942 nach Auschwitz deportiert. Danach wurden überwiegend polnische Häftlinge und Häftlinge aus dem besetzten Westeuropa in die Baracke inhaftiert. [3]
Kurze Zeit nach der Tat gehen tausende Menschen auf die Straße, um gegen den neonazistischen Anschlag zu demonstrieren. Der damalige Brandenburger Ministerpräsident Manfred Stolpe warnt vor einem “neuen Auschwitz”. Doch einen langfristigen Effekt haben weder bürgerliche Empörung, noch Lichterketten. Heute werden Erinnerungsorte an den Nationalsozialismus und die Shoah zunehmend zur Zielscheibe von Angriffen. Einer Anfrage der Linksfraktion im Brandenburger Landtag vom Mai 2020 ergab, dass 62 Straftaten in Brandenburger Gedenkstätten in den vergangen für Jahren registriert wurden. Allein 16 Angriffe wurden im vergangen Jahr in Gedenkstätten zur Anzeige gebrach, die Mahn- und Gedenkstätte Sachsenhausen war acht Mal Ziel extrem rechter Attacken. [4] 
Mit dem Aufstieg der völkisch-nationalistischen AfD vermelden NS-Gedenkstätten eine deutliche Zunahme von Übergriffen.  [5] Wenn der AfD-Ehrenvorsitzende Andreas Gauland in Bezug auf Die Zeit des Nationalsozialismus von einem „Vogelschiss“ deutscher Geschichte spricht, der Thüringer AfD-Vorsitzende Björn Höcke das Shoah-Mahnmal in Berlin als ein „Denkmal der Schande“ bezeichnet und eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ fordert sowie AfD-Politiker_innen durch die Diskussions-Sendungen der öffentlich-rechtlichen Medien hofiert werden, verwundert wenig, warum die Angriffe auf die Erinnerung sich häufen. 
Während Althistoriker Deutschland zum „Erinnerungsweltmeister“ ernennen, sieht die Realtität anders aus: Einer von der ZEIT in Auftrag gegebenen Studie stimmen 53% der Befragten der Aussage voll und ganz bzw. eher zu, dass die Deutschen einen Schlussstrich unter die Vergangenheit des Nationalsozialismus ziehen sollen. 69,8% der Befragten sind der Auffassung, dass ihre Vorfahren nicht unter den Täter_innen des Nationalsozialismus sind. Dies ergab die Befragung der MEMO-Langzeitstudie des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Uni Bielefeld für das Jahr 2019. 35,9% glauben, ihre Vorfahren waren unter den Opfern und 28,7 Prozent behaupten sogar, dass ihre Vorfahren potentiellen Opfern im Nationalsozialismus geholfen hätten. Tatsächlich schätzen Historiker_innen, dass ungefähr 0,3% der deutschen Bevölkerung Opfern des Nationalsozialismus tatsächlich geholfen haben. [6] 
Dass sich die deutsche Bevölkerung dem unangenehmen Teil der Geschichte entledigen will, überrascht wenig. Die Mythen um eine „friedliche Revolution“ 1989 der Deutsch-Deutschen-Wiedervereinigung bietet dafür eine perfekte Gelegenheit eine positive Erzählung in den Vordergrund zu rücken, während im Bezug auf die Shoah eine Konstruktion einer „kollektiven Unschuld“ (Salzborn) vorherrscht. So wird die Geschichte eines geläuterten und wehrhaften, demokratischen Deutschlands durch die Wiedervereinigung zum Element der Konstruktion einer positiven nationalen Identität. Und an dieser Stelle müssen müssen wir der Geschichtsschreibung entgegen treten: Es gibt nix zu feiern!
 
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