Im August 1992 rottet sich im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen ein wütender deutscher Mob zusammen. Ihr Ziel: das sogenannte „Sonnenblumenhaus“, wo sich neben der Zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber auch ein Wohnheim für vietnamesische Vertragsarbeiter_innen befindet.

Am Abend des 22. August fliegen die ersten Steine auf das Gebäude, später auch Molotowcocktails. Die vier Tage andauernden Angriffe auf das Haus sind teil der heftigsten rassistischen Pogrome der Bundesrepublik. Während die Aufnahmestelle für Asylbewerber am 24. August evakuiert wird, werden die rund 120 Bewohner_innen des anliegenden Wohnheims nicht umquartiert. Als sich die Polizei am Abend zurückzieht, sind die Bewohner_innen dem Mob schutzlos ausgeliefert – eingeschlossen in einem Haus, das kurz darauf von der Menge angezündet wird.

Dies war keine Tat Einzelner. Die Zahl der Menschen, die sich in diesen Tagen vor dem Haus versammeln, variiert. Schaulustige mit inbegriffen werden es bis zu 3000 Personen.
Es war auch kein Einzelfall. Die medialen Debatten zur Verschärfung des Asylrechts im Vorfeld lieferten den Soundtrack zum Pogrom.

Wie Eike Geisel schon 1992 scharfsinnig formulierte: „Nicht die brandschatzende Minderheit fungierte als Durchlauferhitzer, um den politischen Entscheidungsprozess vorzu­wärmen. Noch im Feuerschein des Pogroms von Rostock hatte Innenminister Seiters erklärt, jetzt müsse der »Missbrauch des Asyls« beseitigt werden.“ [1]

Auch die kleinen Volksfeste, die an ausgewählten Jahrestagen des Pogroms am Tatort stattfinden, können den versuchten Mord an 120 vietnamesischen Vertragsarbeiter_innen in der „Kulturmetropole Rostock“ nicht weg-erinnern. Kein Grund zu feiern.

[1]: Eike Geisel (1992): „Triumph des guten Willens.“ In: „Die Wiedergutwerdung der Deutschen“

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