Dieter „Igel“ Manzke arbeitet bis 1991 in der örtlichen Tierfuttermühle. Nach deren Pleite findet er keine neue Anstellung mehr. An seinem zunehmenden Alkoholkonsum zerbricht seine Familie. Seit Ende der 90er Jahre ist er wohnungslos. Von der Gemeindeverwaltung bekommt er die Erlaubnis, in einer leerstehenden Gartenlaube neben seinem alten Wohnhaus zu wohnen.

Am 9. August wird Dieter Manzke ermordet. Abends machen sich die fünf Täter von Blankenfelde aus mit den Fahrrädern auf den Weg zur Laube. Sie sind zwischen 17 und 22 Jahre alt. Alle kommen aus Dahlewitz und Umgebung. [1] Die Idee, Dieter Manske aufzusuchen, hatte Dirk R., der seit einem Vierteljahr gleich neben der Gartenlaube in einem Mehrfamilienhaus wohnt. Dort treffen sie den betrunkenen Dieter Mankze an und treten auf den wehrlosen Mann ein. Sie drücken Zigaretten auf ihm aus und quälen ihn. Als Dieter Manzke nur noch röchelnd auf dem Boden liegt, wird der Jüngste aufgefordert, ihm ins Gesicht zu schlagen. Ein weiterer Täter versucht Dieter Manzke mit einem Stock zu vergewaltigen. Irgendwann ist Dieter Manzke ohnmächtig. Die fünf Männer versuchen, die Tat zu vertuschen, schleifen den bewusstlosen Manzke ins Gebüsch und verschwinden. Manzke erstickt augrund schwerer innerer Verletzungen.

Ordnung durch Mord – rechter Terror an Menschen ohne Obdach

Bei ihrer Festnahme geben die Täter an, sie hätten sich von dem Obdachlosen „gestört gefühlt“ und „Ordnung schaffen“ wollen, denn Manzke hätte in der Laube „nichts zu suchen“ gehabt. Trotz der Einlassung der Täter sehen Polizei und Staatsanwaltschaft „keine Hinweise auf eine politisch motiviertes Tötungsdelikt“. Das Gerichtsverfahren beginnt im Februar 2002 am Landgericht Potsdam und verurteilt die fünf Täter wegen Mordes bzw. Totschlags zu Freiheitsstrafen zwischen sieben und 13 Jahren. Erst 2005 wird Dieter Manzke in die Statistik Opfer rechter Gewalt aufgenommen. [2]

Nach Angaben der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe starben nach der so genannten Wiedervereinigung 505 Wohnungslose durch gewalttätige Übergriffe, davon 167 außerhalb der Obdachlosenszene. Bei Übergriffen gegen Obdachlose bzw. wohnungslose Menschen spielen extrem rechte und menschenverachtende Motive oft eine zentrale Rolle. Die Statistiken von „Tagesspiegel“ und „Welt“ zählen 26 Obdachlose bzw. wohnungslose Menschen, die seit 1990 Opfer rechter Gewalt wurden. Dabei dürfte die Dunkelziffer weitaus höher sein. Angriffe auf Obdachlose bekommen weitaus weniger Aufmerksamkeit als Angriffe auf andere Menschengruppen. Sie haben keine Interessenvertretung und sind gesellschaftlich marginalisiert, fast unsichtbar.

Haste nix, biste nix oder wo sich Nazis und Kapital die Hand geben

Sozialdarwinismus beinhaltet die Vorstellung der Ungleichwertigkeit von Menschenleben. In einer sozialdarwinistischen Denkweise sind einige Menschen aufgrund ihrer Gene „stärker“, „besser“ und „überlegen“. Diese „überlegenen“ Menschen würden sich in einem permanenten „Kampf ums Dasein“ durch einen Prozess „natürlicher Auslese“ zeigen und ihre „natürliche Überlegenheit“ legitimiere sie dann dazu, über die ihnen vermeintlich unterlegenen Menschen Macht und Herrschaft auszuüben bzw. über deren Leben und Sterben zu entscheiden. In der nationalsozialistischen Ideologie trifft diese Denkweise auf die – übrigens frei erfundene – sogenannte „Rassenlehre“. Zum Beispiel gelten „Arier“ oder die Deutschen anderen „Rassen“, wie „Slawen“, Sinti oder Roma und natürlich „den Juden“ als überlegen. Doch diese Denkweise wird im NS-Weltbild nicht nur hinsichtlich der vermeintlichen Abstammung von Menschen angewendet. Als unterlegen und daher auszumerzen gelten auch Menschen, die bestimmte chronische Krankheiten oder Handicaps haben, die unter psychischen oder sozialen Problemen leiden, oder eben solche, die ökonomisch schlechter gestellt, sprich arm, sind. Sozialdarwinistisches Denken ist immanenter Bestandteil rechter Ideologie. Rechte denken, dass die „natürliche Selektion“ diejenigen „aussortiert“ die z.B. „schlechte Gene“ in den „Volkskörper“ einbringen – und da wird gern mal nachgeholfen. Das NS-Regime hatte groß angelegte Euthanasieaktionen durchgeführt.

Aber auch der Kapitalismus und heute der Neoliberalismus bringen solche Weltbilder hervor: Die kapitalistische Verwertungslogik unterfüttert die Abwertung von obdachlosen bzw. wohnungslosen Menschen. Menschen, die in der Gesellschaft sozial und ökonomisch nicht gut dastehen, arm sind, so die Doktrin, seien eben selbst schuld daran. Sie hätten eben kein Talent oder nicht die richtigen Anlagen oder wären schlicht nicht bereit, sich richtig anzustrengen. Da die Menschen im Kapitalismus vorrangig nach der „Leistung“ die sie erwirtschaften, also dem Wert ihrer Arbeitskraft. So werden diejenigen als „unwert“ stigmatisiert, die keine Arbeit oder keinen festen Wohnsitz besitzen. Frei nach dem Motto „haste nix, biste nix“ wird wirtschaftliche Benachteiligung zum individuellen Charakterversagen degradiert.

Die Gewaltbereitschaft innerhalb der rechten Szene wie auch in der Mehrheitsgesellschaft gegen Obdachlose ist daher besonders hoch. Dabei wurden obdachlose bzw. wohnungslose Menschen schon während der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt und vernichtet, weil sie laut NS-Ideologie als „asoziale“ als Schädlinge des Volkskörpers galten. Die nicht-Anerkennung und fehlende Aufarbeitung der Vernichtung von als „asozial“ klassifizierten Menschen sorgt für eine Kontinuität der Stigmatisierung. Diese Denkmuster sind in der Gesellschaft so tief verwurzelt, dass viele auf Obdachlose, also arme Menschen, automatisch mit Ekel, Abscheu, Aggression, Misstrauen und Abwertung reagieren.

Zur Verquickung von Klassismus und Sozialdarwinismus

Zusätzlich führen staatliche Maßnahmen oder sanktionierte Ausschlüsse, beispielsweise die Vertreibung aus den Innenstädten, zur besonderen Verwundbarkeit von obdach- und wohnungslosen Menschen. In Stuttgarter Bahnhöfen beispielsweise wird nachts laute klassische Musik gespielt, damit hier niemand in Ruhe schlafen kann. So müssen sich Menschen ohne Zu Hause an abgelegene Orte zurückziehen, an denen sie im Zweifel vor Übergriffen schlechter geschützt sind oder ganz einfach kein Dach über dem Kopf haben.

Eine Abwertung ökonomisch schlecht gestellter Menschen fabriziert das Hartz-IV-System in Deutschland aber auch staatlich verordnet: Wer kein eigenes Geld mehr verdienen kann oder möchte, ist gezwungen, dem Staat seine komplette Privatsphäre offenzulegen, darf u.a. nicht mehr ohne Erlaubnis wegfahren, die Ersparte Lebensleistung wird mit den Transferleistungen verrechnet, Hartz-IV Empfänger*innen werden erst einmal bestraft. Die Nicht-Teilnahme an oft billigen und schlecht organisierten Weiterbildungsveranstaltungen wird durch Kappung der Stütze geahndet, Schikanen in den Amtsstuben sorgen dafür, dass Menschen eigentlich gezwungen sind, jeden beliebigen Job anzunehmen [3]. Das Damoklesschwert der Arbeitslosigkeit und des dazugehörigen Stigma, überflüssig und am Ende eben obdachlos zu sein, ist ein Drohszenario, das Leute auch unter den widrigsten Bedingungen in schlecht bezahlten Jobs hält.

Bereits im Zuge der Einführung des Hartz-IV-Systems gab es aus radikalliberalen und rechten Reihen die Forderung, Hartz-IV-Bezieher*innen auch gleichzeitig das Wahlrecht zu entziehen [4]. Mit dem Aufstieg rechtsextremer Kräfte wird diese Diskussion in bestimmten Kreisen nun wieder aufgegriffen, beispielweise von der AfD in Sachsen [5] oder von Markus Krall, Geschäftsführer von „Degussa Goldhandel“, dem größten bankenunabhängigen Edelmetallhandelsunternehmen, der dieses Jahr auf einer Veranstaltung des Hayeck Instituts lang und breit über die bevorstehende Bürgerliche Revolution schwadronierte: Nach der Revolution sollten die Menschen am Anfang jeder Legislaturperiode einfach entscheiden, ob sie irgendwelche staatlichen Transferleistungen in Anspruch zu nehmen gedenken oder stattdessen berechtigt sein möchten, ein Kreuz auf dem nächsten Wahlzettel zu machen. Wer auf Kindergeld oder Wohngeld angewiesen ist, solle eben auch nicht mitentscheiden [6]. Vor wenigen Tagen hatte Krall sich übrigens schon auf den „Sturm auf den Reichstag“, den Coronaleugner*innen, Esoteriker*innen und Rechtsextreme am vergangenen Wochenende inszenierten, gefreut [7].

Und apropos COVID 19: Obdachlose gehören nicht zum offiziell definierten Kreis der Risikogruppe, obwohl sie aufgrund ihrer Lebenslage gesundheitlich oft beeinträchtigt sind und keinerlei Chance haben, sich von anderen in Privaträume zu distanzieren oder Hygienestandards einzuhalten. Viele Hilfsangebote wie Tagestreffs, Essensausgaben oder Übernachtungshäuser wurden wegen der Infektionsgefahr zeitweise geschlossen. Die Hilfsbedürftigen blieben allein zurück [8].

Der Bremer Wirtschaftssenator Peter Gloystein (CDU) übergoss im Jahr 2005 einen Obdachlosen auf einem Markplatz in Bremen mit Sekt und höhnte: „Hier haste was zu trinken“ [9]. So lange man in Deutschland arme Menschen als „sozial schwach“ und „asozial“ abstempelt, gibt es nichts zu feiern.

Quellen

[1] Berliner Zeitung: Dieter Manzke wurde in Dahlewitz erschlagen. https://www.berliner-zeitung.de/dieter-manzke-wurde-in-dahlewitz-erschlagen-arbeitslos-obdachlos-wehrlos-li.7844
[2] Todesopfer rechter Gewalt in Brandenburg: Dieter Manzke. https://www.todesopfer-rechter-gewalt-in-brandenburg.de/victims-dieter-manzke.php
[3] Kampagne Sanktionsfrei: https://sanktionsfrei.de/
Exemplarisch Jungle World. Nie wieder Aldi. https://jungle.world/artikel/2010/33/nie-wieder-aldi
[4] Die Welt: Entzieht den Nettostaatsprofiteuren das Wahlrecht. https://www.welt.de/print-welt/article153823/Entzieht-den-Nettostaatsprofiteuren-das-Wahlrecht.html
[6]Frankfurte Rundschau: Wer Arbeitslosengeld bekommt soll nicht wählen dürfen. https://www.fr.de/meinung/afd-sachsen-arbeitslosengeld-bekommt-soll-nicht-waehlen-duerfen-13566657.html
[6]Münsterland Rechtsaußen: Markus Krall soll beim Hayek Club sprechen https://muensterlandrechtsaussen.blackblogs.org/2020/03/10/kein-wahlrecht-fuer-transferempfaenger-markus-krall-soll-beim-hayek-club-sprechen/
[7] Tweet vom Soziologen Andreas Kemper zu Krall: https://twitter.com/AndreasKemper/status/1299983124621910018?ref_src=twsrc%5Etfw
[8] MDR: Obachlose sind besonders von der Corona-Krise betroffen. https://www.mdr.de/wissen/obdachlose-besonders-von-corona-krise-betroffen100.html
[9] Der Spiegel: Zwischenfall bei Weinfest. https://www.spiegel.de/politik/deutschland/zwischenfall-bei-weinfest-bremer-senator-goss-obdachlosem-sekt-ueber-den-kopf-a-355659.html

 

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