Flyer Kundgebung

Anlässlich der bevorstehenden Einheitsfeierlichkeiten veranstaltet das Bündnis „Re:Kapitulation – Kein Endeder Geschichte“ einen Kongress vom 2. bis 4. Oktober und eine Kundgebung am 3. Oktober am Lustgarten in Potsdam.

„Der bevorstehende Kongress ist eine Absage an das Staatstheater in der Innenstadt. Wir wollen Nachwirkungen der deutsch-deutschen Wiedervereinigung kritisch beleuchten – abseits des west- sowie des gesamtdeutschen Siegernarrativs“,sagt Mia Winter, Sprecherin des Re:Kapitulation-Bündnis. „Mit der Wiedervereinigung gibt es für uns kein Ende der Geschichte.“

Geplant ist am 2. Oktober ein Podium der Absage an die deutschen Zustände gestern und heute. In pointierter Form sollen hier u. a. die letzten 30 Jahre rekapituliert werden, preußischeÜberlegenheitsmanier angegriffen und die Tradition des deutschen Heimatsfetisch hinterfragt werden. Am 03.10.2020 wollen wir resümieren und diskutieren, wie sich hierzulande die antinationalen Strömungen der letzten 30 Jahre entwickelt haben. Eine Reflexion zur Radikalen Linken sowie die „Nie wieder Deutschland“-Demonstration 1990 bildet dabei den Ausgangspunkt.U.a. mit dabei: Jutta Ditfurth, Thomas Ebermann, Thorsten Mense und Friederike Gremliza.

„Der Andrang auf den Kongress ist groß, innerhalb weniger Tage war die Liste der angemeldeten Gäste voll. Deshalb haben wir zusätzlich einen Stream eingerichtet, damit mehr Menschen den Kongress verfolgen können“, fügt Mia Winter hinzu.

Der Kongress findet in Zusammenarbeit mit demkonkret Magazin auf dem Gelände des FreiLand statt. Der Stream kann am 2.10. und am 3.10. jeweils ab17:45 auf https://re-kapitulation.org/streamabgerufen werden.

Trotz Schikanen: Kundgebung gegen die Einheitsfeierlichkeiten am 3. Oktober im Lustgarten

Anlässlich der bevorstehenden Einheitsfeierlichkeiten veranstaltet das Bündnis „Re:Kapitulation“ eine Kundgebung mit musikalischer Untermauerung vom 3. Oktober 2020 ab 11 Uhr am Lustgarten Potsdam.

Hierzu erklärt Mia Winter: „Nachdem die Stadt Potsdam und die Staatskanzlei alles daran gesetzt haben, den Protest in der Innenstadt zu verunmöglichen, konnten wir uns mit der Versammlungsbehörde einigen und werden unseren Protest gegen das nationalistische Wendetheater in Hör- und Sichtweise der Einheits-Expo austragen“.

Ursprünglich sollte die Kundgebung auf demBassinplatz neben der St. Peter und Paul Kirche stattfinden, wo ab 10 Uhr ein Gedenkgottesdienst mit Beteiligung des Bundespräsidenten und weiterer hoher Staatsprominenz abgehalten wird. Das anliegende Areal wurde zur Sicherheitszone erklärt, sodass die Versammlungsbehörde anbot, die Kundgebung auf den Lustgarten zu verlegen. Die Staatskanzlei hatte sich daraufhin gesträubt, die von ihr angemieteten Fläche der freien Meinungsäußerung zur Verfügung zu stellen.

„Der Nationalfeiertag markiert auch das Ende politischer Unterdrückung in der DDR. Ironisch ist, dass man nun versucht, unseren Protest zu verhindern. Hier zeigt sich doch ganz deutlich die Geschichtsvergessenheit einer deutschenStaatsraison, die an anderer Stelle nicht davor zurück schreckt, für den ‚Heimatschutz‘ zu rekrutieren, während extrem rechte Kräfte erfolgreich staatliche Institutionen unterwandern. Dass dort etwas nicht stimmt, muss thematisiert werden.“

Geplant ist eine Kundgebung auf dem Lustgarten mit Redebeiträgen und Musik von Jaycop, Ostberlin Androgyn und Egotronic.

Kontakt bei Rückfragen:

infoe@re-kapitualtion.org

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P R E S S E M I T T E I L U N G
von der Initiative Re:Kapitulation – Kein Ende der Geschichte
Potsdam, 25.9.2020
 
Tag der Einheit Brandenburger Staatskanzlei will Versammlungsrecht aushebeln
 
Am 3. Oktober ist neben den offiziellen Feierlichkeiten auch eine Protestkundgebung in Planung. Die anmeldende Initiative „Re:Kapitulation – kein Ende der Geschichte“ beklagt nun, dass Ihnen die Anmeldung dergleichen verunmöglicht werden soll. 
Bereits im März hatte die Gruppe eine Anmeldung für eine Kundgebung auf dem Bassinplatz eingereicht. Dieser Wunsch wurden ihnen verwehrt mit dem Verweis auf den dort in der Peter-Paul-Kirche stattfindenden Festgottesdienst. Die Polizei erklärt das gesamte Areal um den Bassinplatz zum „Sicherheitsbereich“ und untersagte eine gleichzeitige Versammlung zum Staatsakt. Als Ausweichort bot die Polizei selbst den Lustgarten an. Nur ist die angebotene Fläche Eigentum der ProPotsdam, die ihr Einverständnis bisher verweigert. Der Grund: Es gibt bereits eine Mieterin – die Staatskanzlei Brandenburg. Die Staatskanzlei wiederum teilte den Anmeldenden mit, auch alle anderen infrage kommenden Flächen in der Stadt außerhalb der Sicherheitszonen angemietet zu haben.
„Was hier passiert ist reine Schikane. Das Recht auf freie Meinungsäußerung ist nicht mal eben mit wegzuwischen, indem die Staatskanzlei über 30 Tage das Hausrecht in der Potsdamer Innenstadt für sich beansprucht. Wenn sich die Beteiligten weiterhin verwehren, werden wir unser Demonstrationsrecht notfalls gerichtlich durchsetzen.“, zeigt sich Anmelderin Isabelle Vandre kämpferisch.
Die Veranstalter sind optimistisch, vor Gericht eine Entscheidung zu ihren Gunsten zu erwirken und rechnen damit, dass die Ausrichtung eines Staatsaktes und das Agieren der Staatskanzlei gegen das grundrechtlich verbriefte Versammlungsrecht vor Gericht keine Chance hat. 
„Unser Protest soll zum Ausdruck bringen, dass wir mit dem Verlauf der letzten 30 Jahre nicht zufrieden sind. Beispiele sind die aktuelle Haltung Deutschlands zur Aufnahme von Geflüchteten, der Rückbau des Sozialstaats, die andauernden Probleme mit rechter Gewalt und Antisemitismus.  Es muss Raum für unsere Kritik in Sicht-und Hörweite zum offiziellen Tamtam geben.“, begründet Vandre das Anliegen der Initiative.
Hintergrund
Neben der Kundgebung veranstaltet das Bündnis einen dreitägigen Kongress unter dem Motto „Kein Ende der Geschichte“. Inhaltlich wird es um eine kritische Auseinandersetzung mit den letzten 30 Jahren nach der Wiedervereinigung gehen. Der pandemiebedingt klein gehaltene Kongress ist bereits ausgebucht. Die Veranstaltung findet auf dem Gelände des freiLands Potsdam statt. Sie wird ebenfalls per Livestream übertragen. Näheres zum Programm unter https://re-kapitulation.org
 
Kontaktdaten für Rückfragen
Mail: info@re-kapitulation.org
Kommentar zur Sonderausstellung zur „Potsdamer Konferenz“ im Schloss Cecilienhof
Beim Eintreten in die Ausstellung „Potsdamer Konferenz 1945 – Die Neuordnung der Welt“ sind wir zunächst erleichtert. Gestalterisch erinnert im Inneren des Schlosses Cecilienhof wenig an den Totalausfall des Ausstellungsplakates, das die vermeintlichen vier Protagonisten der Ausstellung zeigt – Truman, Churchill, Stalin und die Atombombe. Zum 75. Jahrestag „eines der bedeutendsten historischen Ereignisse des 20. Jahrhunderts“ verspricht die  Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Besucher_innen sehr viel: „am authentischen Ort“ würde man sie auf eine „multimediale Zeitreise schicken“; multiperspektivisch seien die Ereignisse dargestellt, und vor allem „sachlich und ideologiefrei“. Eine Zeitreise ins Jahr 1945? Was soll da schon schief gehen… Dass die Kurator_innen sich besondere Mühe gegeben haben, das Versprechen der Ideologiefreiheit umzusetzen, wird in der Ausstellung sehr schnell deutlich – auf die Darstellung ideologischer und politischer Motivationen haben sie weitestgehend verzichtet. So wird die Vorgeschichte der Konferenz – Faschismus, Shoah, Kriegsverbrechen – zu Beginn des Rundgangs zunächst mit ein paar großformatigen Bildern angedeutet. Zu sehen sind Trümmerlandschaften, ein Überlebender in KZ-Häftlingskleidung, ein weinendes Kind und Menschen, die anscheinend schon 1945 den Tag der Befreiung feiern und einen Soldaten hochleben lassen. Erklärungen dazu gibt es keine, außer, dass diese Bilder vom Ende des „grauenhafte[n], vernichtende[n] Krieges“ stammen. Über die Ursachen des Krieges werden wir erst im vierten Raum informiert: der Audioguide erzählt uns, dass der Beginn des Zweiten Weltkrieges in Europa zwar auf den 1. September 1939 „datiert“ würde, „tatsächlich hat der Krieg bereits zwei Jahre früher [in Japan] begonnen“. Unter dem Vorwand einer internationalen Perspektive wird der Aspekt der Kriegsschuld zu einer bloßen Datierungsfrage. Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit werden hübsch verpackt als Piktogramme auf einem großen Zeitstrahl dargestellt. Es wird darauf vertraut, dass die Besucher_innen schon irgendwie wüssten, wie das mit diesem Krieg war. Na, ihr wisst schon, Hitler und so, müssen wir das wirklich nochmal sagen? In den Räumen, in denen die Konferenz einst stattfand, werden wir über die Verhandlungen informiert. Das Spannendste daran ist aber, wie so oft, das, was nicht gezeigt wird: Nazis. Großzügig umschiffen die Ausstellungstexte bereits in ihrer Wortwahl die Verantwortung der deutschen Bevölkerung. Deutsche trifft man in der Ausstellung vor allem als Opfer von Zerstörung, Vergewaltigung und Vertreibung. An dieser Stelle erleben wir das erste Mal die angekündigte Multiperspektivität: auch aus polnischer Perspektive wird die „Umsiedlungspolitik“ geschildert. Unter dem Topos des Heimatverlustes sind Deutsche und Polen hier vereint. Während wir ausführlich die Geschichte einer deutschen Familie nachempfinden können, deren Vater „heimwehkrank“ in der Fremde stirbt, sind die Schicksale von 10 Millionen displaced persons hingegen nur eine Randnotiz wert. Nach einer kurzen Verschnaufpause, bei der Besucher_innen auf den Stühlen der „großen Drei“ Platz nehmen und sich mithilfe von augmented reality für ein Foto zwischen Churchill und Stalin setzen können, geht es zum Endspurt der Ausstellung. Es ist nur noch ein schwarzer Korridor bis wir das Ende der Ausstellung erreichen. Das Licht am Ende des Tunnels ist schon zu sehen und der Fluchtpunkt der Ausstellung klar erkennbar – die Gründung der Vereinten Nationen. Die meisten Besucher_innen um uns herum durchschreiten schnell die letzten Stationen dorthin, denn während den Opfern von Vertreibung ein großer Raum gewidmet ist, werden die Grenzziehungen und Konflikte im Nahen Osten, die Irankrise, der Krieg im Pazifik und der chinesische Bürgerkrieg auf knapp 15 Metern abgehandelt. Ohne historisches Vorwissen sind die Zitate an den Wänden kaum verständlich und die Enge bedrückend. Einen Zwischenstopp legen die meisten Besucher_innen aber dann doch noch ein: durch eine aufwendige Medieninstallation ist der Abwurf der Atombombe zu beobachten. Mit sanfter Musik untermalt fliegt die Kamera über Hiroshima. Langsam segelt die Bombe durch die Wolken, danach: Krachen, Blitze, Zucken und am Ende Stille. Im Zehn-Minutentakt können die Besucher_innen so „Vernichtung und Leid“ nachfühlen. Ahja. Aber auch hier: keine Täter, nur Opfer. An den schwarzen Wänden stehen sich so die Zitate eines japanischen Jungens, der den Bombenangriff überlebte und über die Verbrennungen seiner Haut berichtet, und das des Co-Piloten des Bombenfliegers gegenüber – „Oh my god, what have we done!“ Es hätte also nicht mehr die Skulptur „Der Frieden“ gebraucht, um die Message der Ausstellung zu verstehen: Krieg ist ganz doll doof, egal von wem er angefangen wurde. Die SPSG bedient sich damit erinnerungspolitisch eines mindestens weichgespülten, wenn nicht augenwischerischen Narrativs. Ein weiterer blinder Fleck der Ausstellung ist prototypisch für da Wirken der SPSG:  Die Rolle der preußischen Herrscherfamilie beim Aufstieg des Faschismus bleibt vollkommen unerwähnt, genauso wie die aus der Potsdamer Konferenz resultierende Auflösung Preußens. Stattdessen verabschiedet uns der Audioguide mit der Aufforderung, doch auch noch die anderen Schlösser, beispielsweise die bemerkenswerte, frühklassizistische Ausstellung im nahegelegenen Marmorpalais, anzuschauen. Na dann…  

Alles irdische ist endlich und irgendwann wird sogar die Erde selbst von der Sonne verschlungen. Und so ist es nur konsequent, dass auch die menschliche Geschichte an ihr Ende geraten muss. Es liegt der Gedanke nahe, dass dieses Ende mit dem Untergang unserer Spezies selbst zusammenfällt. Jedoch gibt es Leute die behaupten, wir hätten das Ende unserer Geschichte schon längst erreicht! Die Menschheit sei bereits in dem seligen Zustand, in welchem sie auf eine weitere Entwicklung der grundlegenden gesellschaftlichen Institutionen nicht mehr zu hoffen braucht! Als prominentester Vertreter dieser Auffassung ist der US-amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama zu nennen, der im Jahr 1992 das Bonmot vom „Ende der Geschichte“ prägte, das gewissermaßen zu einem bundesrepublikanischen Dogma der staatlichen Geschichtsaufarbeitung avancierte: Das Zeitalter der Extreme sei vorbei und wir sind nun endlich angekommen. Diese Position ist seltsam. Denn während das Publikum Tag ein Tag aus mit Nachrichten vom drohenden Klimakollaps, Revolutionen und Konterrevolutionen, verheerenden Bürgerkriegen, ökonomischen Verwüstungen, Pandemien und individuellem Elend behelligt wird und den Kopf schütteln mag über den Wahnsinn, der sich vor dessen Augen abspielt, möchte man es darüber belehren, dass nichts Grundlegendes mehr passieren wird. Nun gut. Aber wann sind wir nach dieser Auffassung in das Zeitalter der Starrheit eingetreten? Ganz klar: Mit der Beseitigung des angeblich letzten vermeintlichen Widerspruches zur Dominanz des kapitalistischen Staatenblocks mit seiner „freien“ Marktwirtschaft. Mit dem Untergang der DDR, der UDSSR, kurzum: des Realsozialismus. Die Geschichte wird nicht nur von den Siegern geschrieben – über deren Ende, bestimmen sie offenbar ebenfalls.

Es müssen an dieser Stelle nicht viele Wort über die tiefgreifenden und zum Teil verheerenden Konsequenzen verloren werden, welche die sogenannte Wende für die millionenfachen Lebensverhältnisse der ehemaligen DDR-Bürger_innen hatte. Es reicht fest zu halten, dass die Herrschaft des „sozialistischen“ Eigentums und seiner stalinistischen Führung durch die Herrschaft des Privateigentums und seiner bürgerlichen Führung abgelöst wurde. Auf Cholera folgt Pest. Und während die neue Führung den Fall der Mauer – das Repressions- und Schutzinstrument des sozialistischen Eigentums – frenetisch feiert, schickt sie ihre Sicherheitsdienste und Grenzschutzbeamten auf Patrouille, macht es sich hinter den Mauern und Zäunen ihrer Privatanwesen heimelig, riegelt ganze Kontinente ab, und wird nicht müde zu beschwören, dass die Freiheit des Privateigentums die Bedingung der Freiheit überhaupt sei. Der große kalte Krieg der Blöcke wurde abgelöst durch den immerwährenden Krieg der Privateigentümer und deren Interessensvertreter_innen. Dieser Krieg reicht vom klassischen Nachbarschaftsstreit, über den „Kampf um den Arbeitsplatz“ bis zum Kampf gegen „illegale Einwanderung“, oder besser, dem Krieg gegen Arme und Bedürftige im Allgemeinen. Für wen dieser elende Zustand dem Ende der menschlichen Geschichte gleichkommt, der verwechselt die Geschichte mit seinem Verstand und wenn das nicht, mit seinem Klasseninteresse.

Dass nicht die Geschichte am Ende ist, sondern vielmehr die Geschichtserzählung dieses Staates, zeigt sich schlagend daran, dass auch 30 Jahre nach dem Sturz der DDR-Führung dieser Fakt eine der zwei Säulen der offiziellen BRD-Ideologie bildet.

Säule eins: Wir sind keine Nazis (mehr)! – immerhin, wenn auch allerhöchstens halb wahr.

Säule zwei: Wir haben die DDR überlebt! – und das, obwohl wir sie noch 1983 und 1984 mit Milliardenkrediten gestützt haben. Chapeau!

Dieser kümmerliche Staatsmythos ist noch erbärmlicher, wenn man bedenkt, dass es heutzutage keine auch nur im Ansatz wirkmächtige Opposition gibt, die eine sozialistische Gesellschaft fordert, geschweige denn die DDR zurückhaben möchte. Im Gegenteil: Die Bürger_innen, um welche sich die Bundesoffiziellen sorgen müssen, werfen ihnen gerade vor zu viel DDR und zu wenig Egoist zu sein. Da wird beispielsweise von der „Staatsratsvorsitzenden“ Merkel fabuliert, wo sie eine nüchterne Sachwalterin der Kapitalherrschaft vor sich haben. Eine überdies, unter deren Regie die hauptsächlichen Kriegsziele des Deutschen Reiches im I. Weltkrieg verwirklicht wurden. [1]

Viel mehr als den Triumph über den u.a. an den eigenen Widersprüchen zugrunde gegangen Realsozialismus, kann dieser Staat nicht für sich verbuchen.
Insbesondere keine soziale und keine ökonomische Sicherheit. Diese beiden Fundamente eines guten Lebens wurden ordentlich zurechtgestutzt um einerseits das Privateigentum von der Ballast der „sozialen Verantwortung“ zu befreien und andererseits die vom Sozialismus befreite Arbeiter_innenklasse mit Agenda 2010 auf ihre minderwertige Rolle als Humankapital und devote Bittsteller_innen ein zu polen.

Damit aber nicht genug. Der Raub- und Rachefeldzug des (Deutschen) Kapitals gegen die „soziale Verantwortung“ war und ist begleitet von einer neuen „internationalen Verantwortung“. Seitdem man sich des offensichtlichen Brandmahls des Deutschen Vernichtungskrieges entledigen konnte und endlich als „einig Vaterland“ wieder zum Tagesgeschäft übergehen durfte, darf die deutsche Beteiligung an Militärabenteuern ebenfalls kein Tabu mehr sein. Wobei man die Deutschen Truppen nunmehr wegen und nicht mehr für oder trotz Auschwitz mobilisiert. Das klingt auch gleich viel humaner. Und so darf der Meister der Aufarbeitung endlich wieder Kapitalinteressen militärisch stützen und durchsetzen – aber diesmal alles ganz rechtstaatlich und auch wirklich nur im Interesse der europäischen Gemeinschaft, ja der Vökerverständigung überhaupt! Diese neue internationale „Verantwortung“ schließt auch insofern konsequent an deutsche Traditionslinien an, als dass es sich abermals um alles, nur nicht um siegreiche Militäroperationen handelt: Kosovo, Afghanistan, Senegal, Mali, Südsudan, Syrien. Und wer aus diesen Elendsregionen abhauen will, den erwartet bereits die Deutsche Kriegsmarine im Mittelmeer und der deutsche Bundespolizist im Auffanglager.

Es bleibt in dieser lockeren Aufzählung der bundesrepublikanischen Errungenschaften der letzten 30 Jahre noch die europäische Integration zu erwähnen. Der naive Versuch die Deutsche Dominanz durch wirtschafts- und währungspolitische Einbindung zu fesseln oder sogar zu brechen ist gründlich gescheitert. Während das Deutsche Kapital seine feindlichen EU-Brüder in Grund und Boden konkurriert und sich periodisch als Weltmeister der Weltmarktschlacht rühmt und gerade deshalb den europäischen Zusammenhalt beschwört, ist es unter keinen Umständen bereit seine ruinierten Bundesgenossen an diesem wirtschaftlichen Erfolg teilhaben zu lassen. Dies widerspricht nämlich den Gesetzen des Warentausches – fiat iustitia et pereat mundus [2]. Und so zwingt man seinen europäischen Freunden verheerende Sparmaßnahmen auf, belehrt sie über ihre Dekadenz und fordert sie dazu auf ihre Arbeiter_innen ebenso schäbig sozial zu reformieren, wie man es hierzulande längst gewohnt ist. Wir werden sehen, welche gesellschaftlichen Eruptionen diese Dynamik noch bereithalten wird.

Unter diesen Umständen ist es nur zu verständlich, dass die Bundesoffiziellen mitsamt ihren Hofchronist_innen Daten wie den „Tag der Deutschen Einheit“ so überschwänglich feiern und ihres tatsächlichen historischen Gehalts berauben. Man flüchtet sich halt gerne in weltfremde Nostalgie, wenn man weiß, dass es in der Gegenwart mächtig schiefläuft und sie im Grunde nicht zu ertragen ist.

Unter diesen Umständen wird ebenso die Ansicht verständlich, dass mit der Deutschen Einheit die deutsche – und mit ihr die menschliche – Entwicklung, in ihr Endstadium gelangt sei. Denn in jeder Herrschaftsform wird immer dann das Ende des bis dahin notwendigen Kampfes um die Herrschaft verkündet, wenn die Bedingungen ihrer eigenen hergestellt sind; gerade weil alle wissen, dass in Wahrheit nichts zu Ende ist. Wie sehr sich dieses Wissen aufgrund der desolaten Lage mittlerweile vor das offizielle Bewusstsein schiebt, zeigt nicht zuletzt der amüsante Umstand, dass unser Heimatminister Seehofer die pompöse Einheitsfeier in der Etatplanung glatt vergessen hatte.

Von einer solchen Geschichte vom Ende muss sich jeder denkende Mensch mit Blick auf die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse abgestoßen fühlen. Selbst Herr Fukuyama möchte in Anbetracht der Weltlage mittlerweile falsch verstanden worden sein. So habe er das alles gar nicht gemeint. Er habe lediglich Karl Marx kritisieren wollen, der behauptet habe, der Marxismus sei das Ende der Geschichte. [3] Nichts ist alberner und verkehrter als das. Der Karl Marx den er wohl meint, hat einerseits von sich selbst behauptet, dass er kein Marxist sei. Und anderseits ist dieser Marx ausdrücklich der Ansicht, dass mit der Überwindung der kapitalistischen Produktionsweise „die Vorgeschichte der menschlichen Gesellschaft“ und nicht deren Geschichte abgeschlossen sei. [4] Für ihn machen wir tatsächlich noch überhaupt keine eigene Geschichte, sondern werden umgekehrt von ihr getrieben und gemacht. Solange das menschliche Handeln von unpersönlichen Mächten wie etwa „dem Marktklima“ abhängig ist und ganze Staatenverbände bereit sind, dieser modernen Gottheit Menschenopfer zu liefern; so lange nicht die individuellen und gesellschaftlichen Bedürfnisse darüber entscheiden, was gemacht und getan wird, sondern umgekehrt ein totes Ding wie das Geld diktiert, wer was tut und welches Bedürfnis im welchem Umfang befriedigt werden kann, solange gestalten die Menschen den Gang ihrer Entwicklung nicht bewusst und machen eben deshalb keine Geschichte aus freien Stücken. Sie stehen – im besten Falle fassungslos und nachdenklich – immer wieder vor den desaströsen Resultaten ihres vergangenen Handelns.

Für einen wie Marx hat die Zukunft sehr viel mehr zu bieten als den alltäglichen Kampf und das immergleiche Grauen, dass die Gesellschaft der Privateigentümer für die Mehrheit auf diesem Planeten bedeutet. Und auch wir hoffen und treten dafür ein, dass sie mehr bereit hält, als die hohlen und verlogenen Phrasen über Einigkeit und Recht und Freiheit, in der wir angeblich leben.
Denn wir wissen, dass es keine Einigkeit geben kann, solange die Mehrheit Arm und die Minderheit reich sein muss. Wir wissen, dass es keine Gerechtigkeit geben kann, solange das Recht diesen Gegensatz schützt. Und wir wissen, dass es solange keine Freiheit geben kann, solange Menschen massakriert und drangsaliert werden, weil ihre schicksalhafte Zugehörigkeit zu einem Staatsmoloch mehr zählt, als ihre Bedürftig- oder Hilflosigkeit. Und da wir wissen, dass die Bundesrepublik Deutschland diesen ungeheuren Wahnsinn für ihre Fortexistenz braucht, sagen wir nach 30 Jahren Deutscher Einheit:

Der Anfang der Geschichte bedeutet das Ende von Deutschland.

1 „Es ist zu erreichen die Gründung eines mitteleuropäischen Wirtschaftsverbandes durch gemeinsame Zollabmachungen, unter Einschluss von Frankreich, Belgien, Holland, Dänemark, Österreich-Ungarn, Polen und eventl. Italien, Schweden und Norwegen. Dieser Verband, wohl ohne gemeinsame konstitutionelle Spitze, unter äußerlicher Gleichberechtigung seiner Mitglieder, aber tatsächlich unter deutscher Führung, muss die wirtschaftliche Vorherrschaft Deutschlands über Mitteleuropa stabilisieren.“ – das „Septemberprogramm“, vorgelegt vom Reichskanzler Bethmann Hollweg am 09. September 1914. Vgl. Ulrich Cartarius (Hrsg.): Deutschland im Ersten Weltkrieg. Texte und Dokumente 1914–1918., S. 181f. (Dok. Nr. 126), München 1982.
2 Es soll Gerechtigkeit geschehen, und gehe die Welt darüber zugrunde.
3 Vgl. https://www.handelsblatt.com/arts_und_s … acV12b-ap1
4 Karl Marx, Kritik der politischen Ökonomie, MEW 13, 8f.

Manches was in dieser Stadt passiert, ist so platt und doof, dass man sich fast nicht die Mühe machen will, es zu kritisieren. Erfordert Kritik doch immer eine Beschäftigung mit ihrem Gegenstand und intellektuelle Anstrengungen. Und trotzdem muss man sich auch immer mal wieder mit so irren Vorhaben wie dem Schülerprojekt „Teilung-Einheit“ am Baustellenzaun der Nazikirche in der Breiten Straße auseinandersetzen. Allein schon, weil derartige „Projekte“ durchaus aussagekräftig hinsichtlich der gesellschaftlichen Zustände sind – nicht nur in dieser Stadt.

Um was geht es? Allergisch wie die Garnisonkirchenstiftung auf jede Form der Kritik an der Errichtung einer Kopie des zentralen religiösen Wallfahrtsortes der radikalen Rechten während der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus reagiert, fühlt sie sich auch durch Graffiti, Aufkleber, Plakate und ähnliches an „ihrem“ Baustellenzaun provoziert. Um dem etwas entgegenzusetzen, übernimmt sie die Strategie der Potsdamer Stadtwerke, die schon seit Jahren Verteilerkästen, Trafohäuschen u.ä. von Sprayern, die mittlerweile auch irgendwie ihren Lebensunterhalt verdienen müssen, mit naiver Malerei (Sonnenblumen, Käfer, Schloss Sanssouci, etc.) “verschönern“ lassen. Natürlich darf es am Zaun der Garnisonkirche nicht irgendein belangloses Bild einer Wiese mit Schmetterlingen sein. Und Bilder aus den Fotoalben der Angehörigen des berühmten Infanterieregimentes 9, die sich – darauf ist man bei der Stiftung sehr stolz – in der Garnisonkirche seelsorgerisch in ihrem Tun unterstützen ließen, möchte man dann doch nicht nehmen. Erschossene Frauen und Kinder in einer Grube irgendwo zwischen Białystok und Moskau, eine junge Frau an einem Galgen, eine Schild mit der Aufschrift „Partisanen“ um den Hals, die Erschießung von „Kommissaren“ an einem Waldrand, lachende junge Männer in Wehrmachtsuniformen, die einen alten Mann mit langem Bart foltern… nein, wird man sich bei der Stiftung gedacht haben, das geht nicht, das kommt gerade nicht so gut und irgendwer muss ja auch an die Kinder denken.

Statt sich also kritisch mit der Geschichte des Nationalsozialismus auseinanderzusetzen, also der Geschichte der Garnisionkirche, wird sich an diesem Ort mit dem „Sturz der SED Diktatur“ beschäftigt und somit indirekt mit den Verbrechen der völkischen Raserei gleich gesetzt.Damit dürfte nochmals klar geworden sein was von den Beteuerungen der Stiftung für den Wiederaufbau der Garnisionkirche zu halten ist, nicht nur ein Wallfahrtsort für Preußenfanatiker_innen und Faschist_innen schaffen zu wollen, sondern auch einen Ort der Versöhnung und des Lernens.

Apropos Kinder. Da es sich hierzulande eingebürgert hat, wenn es irgendwie um den Umgang mit der deutschen Geschichte geht, kritische Auseinandersetzung durch „Projekte“ mit Schüler_innen zu substituieren, warum sollen die nicht auch hier die Drecksarbeit übernehmen? Und so dürfen jetzt 12 Schüler*innen der Voltaireschule den Baustellenzaun anmalen. Betreut werden sie dabei von der im Rechenzentrum ansässigen Malerin Jeanne van Dijk, deren künstlerischer Integrität zuliebe man hoffen muss, dass sie diesen Job annehmen musste. Denn was da entstehen soll, ist Propaganda vom Feinsten, so zumindest vermeldet es die PNN: „…soll … an die friedliche Revolution 1989/90 erinnert werden. … Fotos aus der Zeit der deutschen Teilung und der Wiedervereinigung prägten die Erinnerung vieler Generationen, sie weckten Emotionen, Gedanken und Fragen…“. Mit der Ineinssetzung von „friedlicher Revolution“ und Wiedervereinigung wird die die Geschichte des Aufbegehrens in der DDR im Herbst 1989 wieder als der große Ausdruck des Wunsches nach deutscher Wiedervereinigung dargestellt. Eine Erzählung wie sie die bundesdeutschen Geschichtsinstitutionen seit 30 Jahren wiederholen, um nicht über damals artikulierte Wünsche nach einem menschenfreundlicheren und demokratischen Sozialismus und die Gründe für deren Scheitern, die über die Behauptung „das waren halt unrealistische Phantastereien einer verschwindenden Minderheit“ hinausgehen, reden zu müssen. Nein, die deutsche Teilung und Wiedervereinigung, das ist das zentrale Paradigma der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Daran wird nicht gerüttelt. Und wessen Erinnerung nicht davon geprägt ist, wer sich nicht vom Wunsch nach einem Deutschland von Maas bis an die Memel, z.Z. von Rhein bis Oder (Notgedrungen, denn Vertreibung bleibt bekanntlich Unrecht!) anrühren lässt, der ist eh nicht von hier, gehört eh nicht dazu und ist wahrscheinlich Kommunist_in, wenn nicht noch Schlimmeres. Jedenfalls, die neu erbaute Garnisonkirche, ein Projekt nationaler Bedeutung immerhin, soll wohl irgendwie, so zumindest lässt sich dieses „Projekt“ verstehen, den ewigen deutschen Wunsch nach Vereinigung abschließend krönen oder so. Wir hoffen erneut, dass die beteiligten Schüler_innen das nur machen um sich bei ihrer Lehrer_innen einzuschmeicheln um eine gute Note zu bekommen.

Das Bemalen des Zaunes wird durch die die Garnisonkirchen-Fördergesellschaft, die Bundesstiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur und die F.C. Flick-Stiftung gefördert. Nun kann ja nicht alles, was mit dem „Wiederaufbau“ der Garnisonkirche zu tun hat, aus Steuermitteln bezahlt werden, das ist klar. Aber dass die Fördergesellschaft es noch nicht mal schafft, aus den Mitteln, die ihr von alten Nazis und deren Erben, Fernsehsternchen mit dem Wunsch „was Bleibendes zu hinterlassen“, naiven Tourist_innen und Sozialdemokrat_innen überlassen werden, ein paar Eimer Farbe zu bezahlen, erstaunt dann schon. Oder war es nicht fehlendes Geld oder Geiz, sondern das ganz besondere Gespür der Liebhaber_innen der Nazikirche für den Geist des Ortes, dass sie die beiden Stiftungen mit ins Boot holen ließ? Die Bundesstiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur ist die zentrale bundesdeutsche Instanz zur Verwaltung der DDR-Geschichte. Ihr Tätigkeitsschwerpunkt liegt dabei auf der Instrumentalisierung der Geschichte des „real existierenden Sozialismus“ zur Delegitimierung sämtlicher Vorstellungen die Welt besser einzurichten. Es erstaunt nicht, dass sich in ihrem Umfeld diverse „DDR-Bürgerrechtler_innen“ wohlfühlen, die sich in den letzten Jahren zur mehr oder weniger Neuen Rechten bekannt haben. Die F.C. Flick Stiftung engagiert sich „gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Intoleranz“. Gegründet wurde sie von Friedrich Christian Flick, Enkel des Rüstungsunternehmers und Kriegsverbrechers Friedrich Flick, der hier ein paar Krümel seines enormen Vermögens dafür aufwendet, davon abzulenken, dass dieses Vermögen rechtmäßiger Weise eingezogen und an die ehemaligen Zwangsarbeiter_innen seines Großvaters hätte ausbezahlt werden müssen. Die Kooperation dieser drei Institutionen mit dem Ziel, junge Menschen einen Baustellenzaun mit erbaulichen Bildern zur deutschen Einheit bemalen zu lassen, spiegelt das ganze Elend des „Wiederaufbaus“ der Garnisonkirche wider. Seine intellektuelle und ästhetische Erbärmlichkeit, die Abwesenheit jeder Form von Schamgefühl, die Abwehr der kritischen Auseinandersetzung mit den deutschen Verbrechen von Vernichtungskrieg und Shoah und das stolzdeutsche Auftrumpfen, endlich wieder die Größe der eigenen Nation feiern zu wollen. Wer sich an diesem „Schülerprojekt“ beteiligt, und sei es nur farbenanmischend, macht sich damit gemein.

Wir als Bündnis gegen den deutschen Einheitsbrei fordern:

– dem, unter anderen Vorzeichen, fortgesetzten Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch die Kirche sofort Einhalt zu gebieten.
– die Ausweisung van Dijk‘s aus dem Künstlerhaus RZ und ihre Vermittlung an eine der unbesetzten Ausbildungsstellen in einem Potsdamer Maler_innenbetrieb
– diesem schwarzen Tag für Kunst, Kultur und Zivilisation Rechnung zu tragen und das gesamte Areal schwarz zu verhüllen

Re:Kapitulation-Bündnis Potsdam