In der Nacht zum 25. November 1990 wird der 28-jährige aus Angola stammende Vertragsarbeiter, Amadeu Antonio Kiowa, von einer Gruppe neonazistischer Skinheads in Eberswalde ermordet. Er und seine zwei aus Mosambik stammender Freunde laufen einer 50-köpfigen Gruppe Neonazis aus Eberswalde und Umgebung, die mit Baseballschlägern und Zaunlatten bewaffnet, „Deutschland den Deutschen“ rufend durch die Stadt ziehen mit dem Ziel „Linke aufzuklatschen“, in die Arme. Kiowa wird von Mitgliedern der Gruppe brutal zusammengeschlagen. Einer der Täter springt mit beiden Füßen auf dem Kopf des am Boden liegenden Kiowa und verletzt ihn schwer. Seine Begleiter werden mit Messern attackiert und können schwer verletzt flüchten. Kiowa erwacht nicht mehr aus dem Koma und stirbt elf Tage später an den Folgen seiner schweren Verletzungen. Einen Monat nach seinem Tod wird sein Leichnam nach Angola überführt – zwei Stunden nach der Geburt seines Sohnes.

Die Tat gescheit unter dem Augen von 20 voll ausgerüsteten Polizist_innen und bewaffneten Zivilfahndern, die nicht einschreiten und sich dafür auch nicht verantworten müssen. Fast anderthalb Jahre nach der Tat werden sechs der Täter zwischen 17 und 20 Jahren angeklagt, Teile davon waren im Umfeld der neonazistischen „Nationalistischen Front“ (NF) aktiv. Nach zwei Monaten Verhandlung werden sie zu milden Strafen verurteilt, das rassistische Motiv der Tat systematisch ausgeblendet und missachtet. [1]

Amadeu Antonio Kiowa ist eines der ersten Todesopfer rechter Gewalt nach 1990 und markiert die Kontinuität rechter Gewalt im vereinten Deutschlands. Knapp 200 Menschen wurden nach 1990 aus rassistischen, antisemitischen, homo-feindlichen, sozial-darwinistischen, anti-ziganistischen sowie misogynen Motiven getötet. Rassismus und rechte Gewalt ist 30 Jahre nach der Widervereinigung ein tödliches Problem. Nach neusten Monitoring-Bericht des Verbands der Beratungsstellen für Betroffene von rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt haben sich im letzten Jahr allein an einem Tag fünf Angriffe täglich ereignet. [2]

Rechtsanwalt Ronald Reimann vertrat die Familie von Amadeu Antonio und die Angehörigen von Alberto Adriano, dem 2000 das selbe Schicksal ereilte. 20 Jahre nach der Tat stellte er fest:

„Im Vergleich zu 1990 hat sich einiges getan. Es gibt Sonderdezernate und Sondereinheiten sowohl bei der Polizei als auch bei der Staatsanwaltschaft, die sich speziell mit Straftaten mit rechtsextremer Motivation beschäftigen. Das Umfeld der Täter wird heute mehr ausgeleuchtet und überprüft. Jedoch werden auch heute viele Taten, die eine eindeutige rechtsextreme Motivation haben, nicht als solche anerkannt. Rechtsextreme Straftaten werden oft verharmlost.“ [3]

30 Jahren nach seinem Tod stellen wir fest: noch heute haben extrem Rechte Täter_innen keine juristische und gesellschaftlichen Konsequenzen zu befürchten. Sie werden zu Einzeltäter_innen erklärt, als verwirrte Jugendliche abgetan und wie im Fall des NSU als Terrornetzwerk ignoriert. 30 Jahre nach der Wende ist Polizei und Gerichtbarkeit weiterhin auf dem rechten Augen blind. Rassismus und Antisemitismus mordet! Es gibt kein Grund zu feiern!

[1] https://www.todesopfer-rechter-gewalt-in-brandenburg.de/victims-amadeu-antonio.php
[2] https://www.verband-brg.de/jahresbilanz-rechte_gewalt-2019-der-opferberatungsstellen/
[3] https://www.todesopfer-rechter-gewalt-in-brandenburg.de/victims-amadeu-antonio.php

0 Kommentare

Hinterlasse ein Kommentar

An der Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.